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Alexander Gerber · Co-Lead Organizational Transformation SAP SE SaaS ·

Strategie greifbar machen in großen Organisationen: Das SAP-Modell

Wie SAP Strategie für 1.800+ Mitarbeitende greifbar macht — mit OKR-Kaskaden, pragmatischer Methodenadaption und klaren Erfolgskenngrößen. Jetzt taktisch lernen.

Inhalt

Strategie greifbar machen in großen Organisationen: Das SAP-Modell


Das Problem kennt jede große Organisation

Mit wachsender Organisationsgröße entsteht ein kritisches Problem: Die Verbindung zwischen Unternehmensstrategie und täglicher Arbeit wird unsichtbar. Abteilungsgrenzen und hierarchische Ebenen fragmentmentieren den Überblick, wodurch strategische Ziele ihre Wirkkraft verlieren. Alexander Gerber, Organizational-Transformation-Experte bei SAP, identifiziert dies als Kernherausforderung jeder Skalierung ab mehreren Hundert Mitarbeitern.

„Es ist oft so eine Herausforderung, dass einfach durch Arbeitsteilung verschiedene auch Abteilungsgrenzen, verschiedene Levels in der Organisation, die Verbindung zu dem, was Mitarbeitende täglich machen, zu strategisch wichtigen Themen nicht unmittelbar sichtbar ist.”

So beschreibt Alexander Gerber, Co-Lead Organizational Transformation bei SAP SE, das Kernproblem jeder Skalierung jenseits von ein paar Hundert Mitarbeitenden. Gerber arbeitet seit 1999 im Vorstandsbereich Strategy and Operations bei SAP — über 20 Jahre Erfahrung in Organizational Transformation — und verantwortet heute die Transformationsarbeit in einem Bereich mit 1.800+ Personen in der Global Cloud Infrastructure and Delivery.

Was er gelernt hat, ist nicht das, was auf Methoden-Konferenzen gepredigt wird: Strategieumsetzung in großen Organisationen scheitert nicht an fehlendem Commitment, sondern an fehlender Verbindung. Die Verbindung zwischen Board-Level-Ambitionen und dem, was eine einzelne Mitarbeiterin am Dienstagmorgen als nächstes tut.


Die wichtigsten Erkenntnisse


Im Detail: Wie SAP Strategie für 1.800+ Mitarbeitende greifbar macht

Große Organisationen scheitern bei der Strategieumsetzung nicht an fehlender Ambition, sondern an strukturellen Bruchstellen: Arbeitsteilung, Abteilungsgrenzen und Hierarchieebenen unterbrechen die direkte Verbindung zwischen strategischem Ziel und konkreter Handlung. Wie Führungskräfte diesen Mechanismus durchbrechen und Strategie für tausende Mitarbeitende transparent machen, zeigt das SAP-Beispiel.

Warum Strategieumsetzung in großen Organisationen strukturell scheitert

Bei einem Startup ist der Wertbeitrag jeder Person direkt sichtbar. Das ändert sich radikal mit Größe. Gerber bringt es auf den Punkt:

„Bin ich z.B. im Startup, bin ich in der Organisation, wo einfach der Wertbeitrag von jedem einfach direkt da sichtbar ist — als jetzt in dem Unternehmen von mehr als 100.000 Menschen.”

Der Mechanismus ist strukturell, nicht kulturell: Arbeitsteilung, Abteilungsgrenzen und Hierarchieebenen unterbrechen die Sichtlinie zwischen strategischem Ziel und konkreter Handlung. In einer Organisation mit 100.000+ Mitarbeitenden wie SAP gibt es keine natürliche Gravitation mehr, die Einzelbeiträge mit Unternehmenszielen verbindet. Ohne explizite Mechanismen entsteht Orientierungsverlust — und damit sinken Engagement, Priorisierungsfähigkeit und letztlich die tatsächliche Strategieumsetzung.

Die Lösung ist keine Management-Philosophie. Es ist Konstruktion.


Das OKR-Kaskadenmodell: Verbindung über Ebenen hinweg

Der zentrale Mechanismus, den Gerber in seinem 1.800-Personen-Bereich einsetzt, ist die OKR-Kaskade (Objectives & Key Results). Das Prinzip: Strategische Ziele werden hierarchisch heruntergebrochen — vom Board-Level über Funktionsbereiche bis zu Team- und Individualebene — wobei jedes Level nachvollziehbar mit dem übergeordneten Ziel verbunden bleibt.

Gerbers konkretes Beispiel aus der Cloud Infrastructure: Ein zentrales strategisches Ziel ist Systemverfügbarkeit — wenn eine Cloud-Lösung nicht verfügbar ist, ist das für Endabnehmer direkt spürbar. Dieses Ziel kaskadiert nach unten:

  1. Strategisches Objective (Board/C-Level): Cloud-Verfügbarkeit auf einem definierten Mindestniveau halten oder steigern
  2. Key Result (Funktionsbereich): Verfügbarkeit auf X Prozent halten, gemessen über definierte Zeiträume
  3. Team-Ebene (Projekt): Root-Cause-Analyse-Prozess etablieren und Liefergeschwindigkeit verbessern
  4. Individual-Ebene: Konkrete Arbeit an Root-Cause-Analysen — direkt verknüpft mit dem Verfügbarkeitsziel oben

„Durch die Verknüpfung über verschiedene Ebenen hinweg kann es dazu beitragen, dass für den oder die Einzelnen im Unternehmen oder auch jetzt in unserem Bereich deutlicher werden kann, wie sieht eigentlich der tägliche Beitrag zu strategischen Themen aus, ne?”

Das ist der Kernvorteil der strategischen Zielkaskade: nicht Kontrolle, sondern Transparenz. Mitarbeitende können aktiv sehen — nicht nur glauben —, dass ihre Arbeit auf das Unternehmens-Outcome einzahlt. Das verändert Priorisierungsentscheidungen auf allen Ebenen.


Success Measures: Konsistenz über Jahre, nicht Quartale

Ein häufiger Fehler in der Mehrstufigen Strategieumsetzung: Kenngrößen werden jedes Quartal neu definiert, statt kontinuierlich gemessen. Das macht es unmöglich, tatsächlichen Fortschritt von Fluktuationen zu unterscheiden.

Gerbers Ansatz ist anders:

„Wir haben über den Vorstandsbereich dann auch runter auf den L1-Bereich bestimmte Success Measures, also Erfolgskenngrößen letztlich. Und da ist es, um bei diesem Beispiel zu bleiben, so, dass wir diese Kenngröße — wie schnell Root-Cause-Analysen geliefert werden — dass das über die Jahre gesteigert wird.”

Die Logik ist überzeugend: Wenn dasselbe Messinstrument über Jahre konsistent bleibt, entsteht echte Fortschrittsmessung. Root-Cause-Analysis-Verbesserung als dauerhafte Metrik — nicht als Quartalsprojekt — erlaubt es, zu sagen: Wir sind tatsächlich besser geworden, nicht nur anders ausgerichtet.

Für PMO-Verantwortliche und Strategieleiter bedeutet das konkret: Weniger Kenngrößen, länger gehalten, konsequenter gemessen. Das Projektportfolio-Management wird dadurch nicht beliebiger, sondern klarer.


Kontextgerechte Strategieumsetzung: Nicht jede Organisation braucht dasselbe

Einer der wichtigsten — und in der Beratungspraxis oft ignorierten — Punkte aus Gerbers Erfahrung: Kontextblindheit ist der häufigste Fehler bei der Implementierung von Strategiemethoden.

„Es gibt halt einfach bestimmte Organisationen, die einen relativ stabilen Kontext haben. Da muss ich jetzt nicht mir quartals- oder halbjährlich Gedanken machen, wie ich meine strategischen Ziele anpasse, weil der Kontext, in dem ich arbeite, relativ stabil ist.”

Das ist keine Rechtfertigung für Trägheit. Es ist präzise Methodenwahl. Wer in einem volatilen Markt — etwa Pharma oder MedTech in einem Umfeld regulatorischer Veränderungen — quartalsweise OKRs anpasst, handelt rational. Wer dasselbe in einem stabilen IT-Infrastruktur-Betrieb kopiert, erzeugt Overhead ohne strategischen Nutzen.

Der Rahmen für kontextgerechte Strategieumsetzung:

1. Organisationskontext analysieren: Wie schnell verändert sich der Markt, das regulatorische Umfeld, die Technologiebasis?

2. Cadence festlegen: Volatile Kontexte → quartalsweise Anpassung. Stabile Kontexte → halbjährlich oder jährlich reicht.

3. Methoden-Intensität kalibrieren: Nicht jede Organisation braucht den vollständigen OKR-Stack. Was ist der tatsächliche Mehrwert in diesem spezifischen Kontext?

4. Bestehende Prozesse respektieren: Was bereits gut funktioniert, nicht zugunsten von Methoden-Labels opfern.


Der Pragmatismus-Imperativ: Abgespeckte Implementierung schlägt perfekte Theorie

Gerber ist explizit in seiner Ablehnung von Methoden-Purismus:

„Es ist vielleicht nicht zu 100% implementiert, aber wir haben die Aspekte rausgenommen, die für uns hilfreich sind, ne? Also das ist sicherlich ein Punkt.”

Und weiter:

„Mein größtes Learning ist, die Methode nicht als Selbstzweck zu betrachten und dann zu gucken, wo hilft sie wirklich auch bestehende Aspekte in der Organisation.”

Das hat unmittelbare Konsequenzen für die OKR-Implementierung im Mittelstand und in großen IT-Organisationen: Wer OKRs einführt, weil OKRs eingeführt werden sollen — und nicht weil konkrete Outcomes erreicht werden sollen —, ist auf dem falschen Kurs.

Das Gegenmuster: Pragmatische Methoden-Adaption.

„Es darf nie ein Selbstzweck sein. Ich führe jetzt OKRs ein, damit ich OKRs eingeführt habe, sondern ich möchte bestimmte Outcomes erzeugen.”


Das Überforderungsrisiko: Wenn zu viel Change die Umsetzung blockiert

Ein systemisches Risiko, das Gerber explizit benennt: Organisationen können durch zu viel gleichzeitigen Change in einen Zustand geraten, in dem strategische Umsetzung faktisch stillsteht.

„Ein Risiko ist sicherlich die Organisation zu überfordern, ne? Also, dass du sagst, du hast z.B. bestimmte strategische Ziele definiert, ohne da zu genau danach zu gucken, ist überhaupt die Kapazität dafür da.”

Für Führungskräfte in der Strategieimplementierung bedeutet das: Vor der Definition neuer strategischer Ziele kommt die Kapazitätsprüfung. Welche Change-Initiativen laufen bereits? Was kann die Organisation realistisch absorbieren?

Die Gegenregel: Balance zwischen Stabilisierung und Neuerung. Nicht jeder Prozess muss gleichzeitig transformiert werden. Phasen der Stabilisierung — in denen gute Prozesse gefestigt werden, statt neue eingeführt — sind Teil einer gesunden Transformationsstrategie, keine Schwäche.

Das hat direkte Relevanz für die Agile Transformation in Pharma und MedTech: Regulierte Industrien haben besonders hohe Compliance-Lasten. Change-Überforderung ist dort nicht nur ein Performance-Problem, sondern ein Compliance-Risiko.


Wachstum als Erfolgsmaßstab: Über das Überleben hinaus

Häufige Fragen

Warum scheitert Strategieumsetzung in Unternehmen mit 1.000+ Mitarbeitenden?

Mit wachsender Größe reicht implizites Kulturverständnis nicht mehr aus. Abteilungsgrenzen und Hierarchieebenen unterbrechen die Sichtlinie zwischen strategischen Zielen und Tagesarbeit. Ohne explizite Mechaniken — etwa OKR-Kaskaden oder konsistente Erfolgskenngrößen — entsteht Orientierungsverlust auf allen Ebenen.

Welche Risiken gibt es bei der Einführung von OKRs in großen Organisationen?

Das größte Risiko: OKRs als Selbstzweck einführen, statt konkrete Outcomes zu erzeugen. Dazu kommt Überforderung durch zu viel Change gleichzeitig und fehlender Respekt für funktionierende Bestandsprozesse. Pragmatische Adaption schlägt puristische Vollimplementierung in nahezu jedem Kontext.

Wie oft sollten strategische Ziele überprüft und angepasst werden?

Das hängt vom Organisationskontext ab. Volatile Märkte erfordern quartalsweise Anpassung; stabile Kontexte — etwa bestimmte IT-Infrastrukturbereiche — können halbjährliche oder jährliche Zyklen nutzen. Wer quartalsweise anpasst, obwohl der Kontext es nicht verlangt, erzeugt unnötigen Overhead.

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