Strategie entwickeln und umsetzen unter Zeitdruck: 6 Wochen statt 12 Monate
Wie Dr. Borislav Tadić bei 1&1 Versatel in 2,5 Jahren Volumen verdoppelte, Kosten um 33% senkte und Kundenzufriedenheit auf historisches Hoch brachte. Praxisframework.
Strategie entwickeln und umsetzen unter Zeitdruck: 6 Wochen statt 12 Monate
Wenn eine neue Führungskraft einen Bereich mit strukturellen Problemen, stagnierendem Volumen und hohem operativem Druck übernimmt, ist die Versuchung groß, zunächst monatelang zu analysieren. Dr. Borislav Tadić, Chief Production Officer und Geschäftsführer bei 1&1 Versatel, hat 2023 den gegenteiligen Weg gewählt — und damit in 2,5 Jahren das Produktionsvolumen verdoppelt, die Kosten um bis zu 33 % gesenkt und die Kundenzufriedenheit auf historische Höchstwerte gebracht.
Die Ausgangslage war kein Pilotprojekt mit grüner Wiese. Tadić übernahm einen der komplexesten Unternehmensbereiche im Unternehmen — mit über 400 Mitarbeitenden, einem Netz aus Partnern und Freelancern und einem tiefsitzenden Missverhältnis zwischen dem, was Kunden erwarteten, und dem, was die Produktion lieferte. Das klassische Strategieproblem: viele Powerpoint-Folien, wenig Umsetzung.
„Die beste Strategie ist die, die man selber nicht nur entwickelt hat, sondern selber umgesetzt hat. Und das ist natürlich so das, was die erfolgreichen Strategien unterscheidet von denen, die dann natürlich so in die Schublade landen oder in die nur auf Powerpoint-Folie.”
Was Tadić in diesem Gespräch teilt, ist kein Lehrbuch-Framework. Es ist ein operativ erprobter Ansatz zur Strategieumsetzung unter Zeitdruck — mit konkreten Zahlen, klaren Fehlern und einem Stufenmodell, das sich auf Produktionsbereiche in Telco, IT und MedTech direkt übertragen lässt.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- 6 Wochen reichen für eine vollständige Strategieentwicklung — wenn der Fokus auf drei Kernfragen liegt und Analyse nicht zur Prokrastination wird.
- Zeitdruck ist kein Nachteil, sondern ein Selektionsmechanismus: Er zwingt zur Fokussierung auf die wenigen wirklich relevanten Hebel.
- Erst vereinfachen, dann digitalisieren — nicht umgekehrt. Automatisierung auf schlechten Prozessen fixiert schlechte Abläufe dauerhaft.
- 85 % der Manager investieren nur 1 Stunde pro Woche in Strategiearbeit; der Zielwert liegt bei mindestens 20 % der Wochenarbeitszeit.
- Kundenorientierung ist keine Haltung, sondern ein Prozessdesign-Problem — beginnend bei der Vertragsphase.
- Strategieumsetzung ist iterativ: Wer nach 2–3 Monaten nicht bereit ist, Anpassungen vorzunehmen, scheitert an der eigenen Planung.
- Partizipation erzeugt Ideen, aber auch Priorisierungsdruck — transparente Kommunikation über Warteschlangen ist entscheidend, um Demotivation zu vermeiden.
Im Detail: Wie Strategie unter Zeitdruck wirklich funktioniert
Strategieentwicklung in Großorganisationen dauert oft 6–12 Monate. Doch längere Analysephasen führen nicht zwingend zu besseren Ergebnissen. Echte Zeitvorgaben erzwingen Fokus auf das Wesentliche und beschleunigen konkrete Umsetzung statt endlose Planung. Wie Sie Strategie unter Druck erfolgreich realisieren, zeigt dieser Abschnitt.
Warum längere Analysephasen selten bessere Strategien liefern
Das verbreitete Bild einer Strategieentwicklung sieht so aus: 6 bis 12 Monate Analyse, externe Berater, mehrtägige Offsite-Workshops, ein aufwendiges Strategiedokument — und dann das Schweigen nach dem Rollout. Tadić bricht mit diesem Muster auf Basis eigener Erfahrung.
„Ich glaube nicht, dass die Strategie 80% mehr Qualität bringen würde, wenn wir sie länger durchdenken würden oder längere Analysefahrten durchgeführt hätten. Wir waren mit einem realen Problem konfrontiert.”
Der entscheidende Unterschied: Zeitdruck zwingt Teams dazu, zwischen wesentlichen und unwesentlichen Fragen zu unterscheiden. Wer weiß, dass in 6 Wochen Ergebnisse erwartet werden, priorisiert anders als wer 12 Monate Zeit hat, Szenarien zu durchdenken.
Beim Start 2023 entwickelte Tadić mit einem kleinen, fokussierten Team innerhalb von eineinhalb Monaten die Antworten auf drei Kernfragen — was er selbst den Drei-Fragen-Strategierahmen nennt:
- Wo stehen wir? — Analyse des Ist-Zustands: Stärken, Schwächen, Position im Unternehmenskontext, tatsächlicher Mehrwert für Kunden.
- Wo wollen wir hin? — Definition einer klaren Zielposition (in diesem Fall: “beste Produktion der Telco-Branche in Deutschland”).
- Wie machen wir den Transfer? — Konkrete Roadmap mit Kernhebeln, Partnereinsatz und Maßnahmen zur Überbrückung von Baseline zu Vision.
Das Ergebnis dieser 6-wöchigen Phase war keine Sammlung von Optionen — sondern eine klare strategische Richtung, die direkt in operative Initiativen übersetzt werden konnte.
Der Unterschied zwischen “bester” und “größter” Produktion
Ein zentrales strategisches Grundprinzip, das Tadić früh definiert hat, ist die Abgrenzung von schierem Wachstum gegenüber echter Exzellenz. Das klingt selbstverständlich — ist es in der Praxis aber selten.
„Beste Produktion heißt nicht die größte Produktion. Beste Produktion heißt nicht unbedingt die Produktion, die am meisten Volumen hat, jetzt die Sachen von A nach B zu schieben. Deswegen vergleichen wir uns mit einem Boutique-Hotel, das jeder kennt und sagt, ich bin da gerne — und nicht mit einer Kette, die dann in jeder Stadt ist.”
Diese Unterscheidung hat direkte operative Konsequenzen: Kundenerlebnis, Durchlaufzeitoptimierung und Mitarbeiterentwicklung werden zu primären Erfolgsmetriken — nicht ausschließlich Volumenwachstum. Das verändert die Priorisierung von Initiativen, die Auswahl von KPIs und die Art, wie Partnermanagement strukturiert wird.
Für Führungskräfte in IT-Organisationen und MedTech-Umgebungen ist diese Unterscheidung besonders relevant: Best-in-Class-Produktion im Dienstleistungsbereich entsteht nicht durch Skalierung allein, sondern durch die konsequente Optimierung dessen, was Kunden tatsächlich als Wert wahrnehmen.
Kundenorientierung auf Prozessebene operationalisieren
Ein häufiger Fehler in Transformationsprojekten: Kundenorientierung wird als Kulturthema behandelt, nicht als Prozessdesign-Aufgabe. Bei 1&1 Versatel begann die Arbeit an der Kundenzufriedenheit — die letztlich auf historische Höchstwerte stieg — an einem sehr konkreten Punkt: der Vertragsphase.
„Erstmal ein effektiver und guter kundenorientierter Abstimmungsprozess. Denn wenn man am Anfang in der Vertragsphase die Elemente vergisst oder falsch kommuniziert auf beiden Seiten, dann entsteht natürlich eine Imbalance und entsteht eine Herausforderung, die man später korrigieren muss.”
Das Customer-Centric Process Design folgt einem klaren Ablauf: Zunächst werden Missverständnisse bereits in der Anfangsphase verhindert. Dann wird der gesamte Lieferprozess — von Planung über Realisierung bis hin zu IT, Controlling, Legal und Dokumentation — aus der Kundenperspektive betrachtet. Jeder Mitarbeitende lernt, sich zu fragen: Welchen Beitrag leistet mein nächster Schritt für das Kundenerlebnis?
Durchlaufzeit ist dabei der wichtigste messbare Indikator: Jeder Prozessschritt wird darauf geprüft, ob er tatsächlich notwendig ist oder ob er nur interne Komplexität verwaltet.
Die Ergebnisse dieser Fokussierung waren messbar: Die Kundenzufriedenheitswerte erreichten in der Umsetzungsphase historische Höchststände — parallel zu einem Volumenwachstum von 100 % und einer Kostensenkung von bis zu 33 %.
Die Digitalisierungs-Selektionsmatrix: Vereinfachen vor Automatisieren
Digitale Transformation und Automatisierung gelten oft als Allheilmittel. In der Praxis produzieren sie häufig das Gegenteil: komplexere Prozesse, die nun zusätzlich noch digital verwaltet werden müssen.
Tadić hat bei 1&1 Versatel eine bewusste Reihenfolge eingeführt — die Digitalisierungs-Selektionsmatrix mit drei Stufen:
Stufe 1 — Simplifizierung: Alle nicht-essentiellen Schritte werden eliminiert. Erst dann wird entschieden, welche Technologie eingesetzt wird.
Stufe 2 — Klassische Automatisierung (RPA): Für repetitive, regelbasierte Aufgaben ohne intelligente Entscheidungen. Kosteneffizienter als KI-Einsatz und einfacher zu implementieren.
Stufe 3 — KI-Einsatz: Nur für komplexe Zusammenhänge, bei denen eine gute Datenbasis vorhanden ist und customized Entscheidungen getroffen werden müssen.
„Erstmal startet man von der Simplifizierung des Prozesses. Ich will nicht einen komplexen oder unnötigen Prozess digitalisieren. Wenn man die unnötigen Schritte rausgenommen hat, dann guckt man auf die Schritte, die notwendig sind, die essenziell sind.”
Diese Reihenfolge verhindert einen der häufigsten Fehler bei der Automatisierung in Telco-Service-Delivery und IT-Organisationen: Ressourcen in die Digitalisierung von Abläufen investieren, die eigentlich abgeschafft werden sollten.
Wie kontinuierliche Strategiearbeit punktuelle Workshops ersetzt
Ein strukturelles Problem in vielen Großunternehmen: Strategie wird als Projekt behandelt — mit einem Start, einem Ende und einem Workshop dazwischen. Der Alltag läuft parallel weiter, ohne strategischen Bezug.
Das Harvard Business Review zeigt, dass 85 % der Manager weltweit nur 1 Stunde pro Woche in Strategiearbeit investieren. Auf die Frage, wieviel Zeit sie idealerweise investieren würden, lautet die Antwort: mindestens 20 % der Wochenarbeitszeit — also rund einen vollen Arbeitstag.
„Business Review zeigt es ja, dass man eine Stunde pro Woche bei 85% der Manager der Fall ist, dass sie dann eine Stunde pro Woche in Strategie investieren — und das ist viel zu wenig. Wenn ich Zeit hätte, dann würde ich mindestens 20% der Zeit jede Woche, das heißt ungefähr einen Tag, da investieren.”
Bei 1&1 Versatel wurde Strategie als fester Agendapunkt in wöchentlichen Leadership-Team-Meetings verankert — nicht als Quartals-Review. Diese Kontinuität kaskadiert durch alle Führungsebenen und verhindert, dass strategische Impulse im Tagesgeschäft verschwinden.
Partizipation bei 400+ Mitarbeitenden: Ideen managen ohne zu demotivieren
Mit über 400 Mitarbeitenden — plus Partnern und Freelancern — entsteht bei echter Partizipation in der Strategieentwicklung eine spezifische Herausforderung: Mehr Beteiligung erzeugt mehr Ideen, aber auch mehr Erwartungen an Umsetzung.
„Wenn man 400 Mitarbeiter plus noch Partner und Freelancer involviert, selbst wenn punktuell — man kriegt sehr, sehr viele Ideen und Impulse. Es gibt tolle Ideen, die sinnvoll sind, aber im Moment einen niedrigeren Benefit bringen.”
Die Lösung ist keine Selektion im Verborgenen, sondern transparente Kommunikation über Priorisierung: Welche Initiativen werden warum jetzt umgesetzt? Welche kommen in die nächste Phase? Warum nicht sofort? Ohne diese Kommunikation entsteht Demotivation — trotz guter Absichten
Häufige Fragen
Kann man echte Strategieumsetzung in 6 Wochen schaffen?
Ja — wenn der Fokus auf drei Kernfragen liegt: Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Wie überbrücken wir den Gap? Dr. Tadić entwickelte die Produktionsstrategie für 1&1 Versatel mit einem kleinen Team in 6 Wochen. Längere Analysephasen liefern selten proportional bessere Ergebnisse.
Wie viel Zeit sollten Manager wöchentlich in Strategiearbeit investieren?
Laut Harvard Business Review investieren 85% der Manager nur 1 Stunde pro Woche in Strategie — viel zu wenig. Der Zielwert liegt bei mindestens 20% der Wochenarbeitszeit, also rund einem vollen Arbeitstag. Kontinuierliche Strategiearbeit schlägt punktuelle Quartals-Workshops deutlich.
Was ist der erste Schritt bei der Prozessoptimierung — Vereinfachung oder Digitalisierung?
Immer erst Vereinfachung. Komplexe oder unnötige Prozessschritte zu digitalisieren verschwendet Budget und fixiert schlechte Abläufe. Erst alle nicht-essentiellen Schritte eliminieren, dann entscheiden: klassische Automatisierung für regelbasierte Aufgaben, KI nur für komplexe Entscheidungen mit guter Datenbasis.
