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Felipe · CTO Jimdo SaaS ·

Innovation und Stabilität gleichzeitig managen: Das Dual-Track-Modell für etablierte SaaS-Unternehmen

Wie CTOs Evolution und Disruption parallel steuern, ohne bestehende Kunden zu gefährden. Praxisframework von Jimdo-CTO Felipe mit 25+ Jahren Tech-Erfahrungrung.

Inhalt

Innovation und Stabilität gleichzeitig managen: Das Dual-Track-Modell für etablierte SaaS-Unternehmen

Das Kernproblem etablierter Tech-Unternehmen

„We have a responsibility to our customers and we have a responsibility to keep our services evolving up and running and serving them well. So it’s two journeys that we need to do inside one — which is exciting, it’s nice, but it’s challenging.” — Felipe, CTO bei Jimdo

Felipe, CTO bei Jimdo mit über 25 Jahren Erfahrungrung in Technologie und digitaler Transformation, beschreibt damit exakt das Dilemma, das jedes etablierte Unternehmen ab einem gewissen Reifegrad kennt: Du kannst das laufende Geschäft nicht einfach anhalten, um zu innovieren — und du kannst Innovation nicht outsourcen, ohne den Anschluss zu verlieren.

Jimdo ist seit 18–20 Jahren am Markt. Das Unternehmen hat mehrere Technologie-Zyklen überlebt — und steht jetzt, wie viele etablierte SaaS-Anbieter, vor der Herausforderung, KI-Disruption zu absorbieren, ohne die bestehende Kundenbasis und die operationale Stabilität zu gefährden. Felipe erklärt, wie das strukturell und kulturell gelingt — mit einem Dual-Track-Ansatz, der Strategie, KPIs und Führung neu denkt.


Die wichtigsten Erkenntnisse


Im Detail: Dual-Track-Strategie in der Praxis

Die erfolgreichsten MedTech- und Pharmaunternehmen unterscheiden klar zwischen Evolution und Disruption. Während Evolution bestehende Prozesse optimiert und an klassischen KPIs gemessen wird, erfordert Disruption ein grundlegendes Umdenken der Geschäftslogik. Diese Unterscheidung ist entscheidend, um beide Strategien parallel umzusetzen und nicht zu verwechseln.

Evolution und Disruption: Was ist der Unterschied — und warum ist er entscheidend?

Viele Unternehmen verwechseln Produktiteration mit echter Disruption. Felipe setzt eine präzise Trennlinie:

„Evolution I would say it’s the normal place of business. You are just improving your company, improving your product, getting more connected to the market, expanding. Disruption is when you need to change the way you do business.”

Evolution ist kontrollierbar: bestehende Prozesse werden optimiert, neue Features werden deployed, Kundenbeziehungen werden vertieft. Der Erfolg wird an klassischen SaaS-Metriken gemessen — Retention, NRR, Feature-Adoption.

Disruption hingegen ist strukturell anders: Sie erfordert neue Geschäftsmodelle, neue Wertversprechen und häufig neue Technologiearchitekturen. KI ist das aktuell prägnanteste Beispiel. Kein etablierter SaaS-Anbieter kann KI-Disruption mit denselben Prozessen und derselben Governance handhaben wie ein inkrementelles Feature-Update.

Das Dual-Track Strategy Framework adressiert genau diesen Unterschied: Drei Roadmap-Streams laufen parallel — Legacy-Stabilität, Evolution und Disruption. Teams werden quartalsweise je nach strategischer Priorität zugewiesen. Nicht dauerhaft, sondern dynamisch — je nachdem, wo die Organisation in einem gegebenen Quartal den größten Hebeleffekt braucht.


Die kulturelle Herausforderung ist größer als die technische

Der häufigste Fehler bei der Parallelisierung von Innovation und stabilem Betrieb: Man denkt in Architektur, bevor man in Kultur denkt.

„There’s a lot, but let’s start with cultural first. When you have a company that is stabilized and we are evolving, you’re always targeting for business excellence… a startup is the other way around. So the mindset from the two people that are working on this transformation are different but it’s the same company.”

Teams im Legacy- und Evolutionsbereich sind auf Operational Excellence trainiert: Zuverlässigkeit, Prozesstreue, niedrige Fehlerrate. Innovationsteams hingegen müssen schnell scheitern, Hypothesen testen und Unsicherheit als Normalzustand akzeptieren. Beide Denkweisen in einer Organisation gleichzeitig zu kultivieren, ohne dass eine die andere untergräbt, ist die eigentliche Führungsaufgabe.

Die Konsequenz: Leadership muss aktiv die Brücke bauen. Es reicht nicht, einen “Innovation Hub” auszurufen und die restliche Organisation damit sich selbst zu überlassen. Wer die Stabilität des Kernprodukts gewährleistet, muss verstehen, welche Rolle er im Gesamtgefüge spielt — und nicht das Gefühl haben, zur zweiten Klasse degradiert worden zu sein.


Vision-getriebene Dezentralisierung: Entscheidungen ohne Eskalation

Felipe beschreibt eines der wirkungsvollsten Organisationsprinzipien bei Jimdo:

„Everything I do, everything I work on is to get our company simpler and cost efficient. I need to have this mindset in the back of the mind of my leaders, my engineers and everyone… they’re never going to sign a contract or implement a service or make something that will make us harder or complex or spend more money because they have this mindset.”

Simplicity & Cost Efficiency ist keine Managementphrase. Es ist ein operativer Filter. Wenn jeder Engineer, jeder Tech Lead und jeder VP dieses Leitprinzip internalisiert hat, werden Entscheidungen über Vendor-Verträge, Architekturwahl und Feature-Scope autonom und konsistent getroffen — ohne Eskalationsbedarf.

Das Vision-getriebene Dezentralisierungsmodell funktioniert in fünf Schritten:

  1. Vision in 2–3 Wörtern formulieren (z. B. „Simple & Cost Efficient”)
  2. Vision ins Onboarding und in regelmäßige Trainings integrieren
  3. Vision als Filter für Tech-Entscheidungen, Vendor-Management und Feature-Scope einsetzen
  4. Entscheidungen, die die Vision stützen, aktiv anerkennen und feiern
  5. Tech-Entscheidungen monatlich gegen Vision reviewen

Dieser Ansatz löst gleichzeitig ein klassisches Skalierungsproblem: Mit wachsender Teamgröße und zunehmend dezentralen Strukturen — gerade in remote-first SaaS-Organisationen — kann keine Führungskraft alle Entscheidungen selbst treffen. Eine internalisierte Vision ersetzt Hunderte von Einzelentscheidungen durch einen gemeinsamen Kompass.


Strategischer Planungshorizont: 2–3 Jahre — nicht täglich neu justiert

Ein weiterer Fehler: Strategien, die bei jeder neuen Marktnachricht neu geschrieben werden. Felipe ist explizit:

„I usually write some steps. I like to work in a two to three years in strategic… It should be focused on the long journey. So I write down the most important things that we need to do to get to the vision that I have… Whenever a disruption like AI comes to the table, it needs to change everything, but usually you should not change your strategy all the time.”

Der Unterschied zwischen Vision, Strategie und Taktik ist hier entscheidend:

KI verändert die Taktik — welche Technologien eingesetzt werden, wie Teams strukturiert sind, welche Services gebaut werden. Aber die Vision „Simplicity & Cost Efficiency” bleibt konsistent, weil sie fundamental genug ist, um auch KI-nativen Ansätzen als Leitprinzip zu dienen.

Diese Technology Roadmap mit 2–3 Jahren Horizont ist kein starres Dokument — sie wird jährlich reviewed, aber nicht täglich neu justiert. Das gibt Organisationen die Stabilität, die für koordiniertes, multi-stream Delivery notwendig ist.


Balancierende KPI-Paare: Einseitige Optimierung verhindern

„Even those two are balanced at each other — right, you still need to be fast and deliver to the customer, but at the same time you need to be cost efficient… if you push one up the other goes down, which ensures that you are reaching the right level on both.”

Das Balancierende KPI-Paar-Modell funktioniert wie ein Regelkreis: Ein Pull-KPI (Ziel: reduzieren, z. B. Anzahl der Services/Microservices) wird gegen ein Push-KPI (Ziel: halten oder steigern, z. B. Deployment-Frequenz) gesetzt.

Wenn ein Team ausschließlich auf Cloud-Kostenreduktion optimiert, verlangsamt es die Delivery. Wenn es nur auf Deployment-Geschwindigkeit optimiert, explodieren die Infrastrukturkosten. Die Kombination beider KPIs erzwingt die Balance — und macht den Zielkonflikt zwischen Innovation und Operational Excellence messbar und steuerbar.

Für die quartalsweise Ressourcenallokation zwischen Evolution und Disruption sind solche KPI-Paare ein zentrales Governance-Instrument. Sie verhindern, dass die Disruptions-Seite alle Budgets absorbiert oder die Legacy-Stabilität dauerhaft vernachlässigt wird.


Warum bei Disruption Marktpositionen wechseln — und was das für Entscheider bedeutet

„I like to say money change hands whenever disruption comes, and it’s when like smaller companies can get better positions, bigger companies can fail because it’s hard — you can’t keep up… They don’t leave the burden of keeping things alive. They can fail fast.”

Startups haben bei echter Disruption einen strukturellen Vorteil: keine Legacy-Last, keine bestehende Kundenbasis, die geschützt werden muss, keine technische Schuld, die abgebaut werden muss. Sie können Hypothesen 10x schneller testen — und 10x schneller scheitern.

Etablierte Unternehmen, die Innovation und Stabilität gleichzeitig managen müssen, können diesen Vorteil nicht replizieren. Aber sie können ihn reduzieren: durch klare Talent-Allocation zwischen Innovation und Stabilität, durch Governance-Strukturen für parallele Geschäftsmodelle und durch eine Führungskultur, die gescheiterte Experimente nicht bestraft, sondern kommuniziert.

„The establishing a clear vision is super important and people need to understand where we are going… it’s really on you as a leader to go and explain, hey, this is happening. That’s what we are trying to do… people need to know and that’s sometimes is neglected.”

Transparente Kommunikation über gescheiterte Experimente ist dabei keine Nice-to-have-Führungseigenschaft — sie ist ein strategisches Instrument. Teams, die verstehen, warum bestimmte Innovationsexperimente eingestellt werden, bleiben motiviert. Teams, die im Dunkeln gelassen werden, ziehen eigene (falsche) Schlüsse über die strategische Richtung.


Über Felipe

Felipe ist CTO bei Jimdo, einem der etablierten SaaS-Anbieter im DACH-Raum mit 18–20 Jahren Marktpräsenz. Mit über 25 Jahren Erfahrung

Häufige Fragen

Wie unterscheiden sich Evolution und Disruption in der Unternehmensstrategie?

Evolution ist die kontinuierliche Verbesserung des bestehenden Geschäftsmodells – Operational Excellence, inkrementelle Produktverbesserung, Marktausweitung. Disruption hingegen erfordert eine fundamentale Änderung der Arbeitsweise oder des Geschäftsmodells selbst. Beide Mechanismen verlangen unterschiedliche Denkweisen, Metriken und Führungsansätze innerhalb derselben Organisation.

Wie können etablierte Unternehmen Innovation und Stabilität gleichzeitig managen?

Durch ein Dual-Track-Framework: Teams werden quartalsweise auf drei Streams verteilt – Legacy-Stabilität, Evolution und Disruption – unter einer gemeinsamen Vision. Balancierende KPI-Paare verhindern einseitige Optimierung. Entscheidend ist transparente Führungskommunikation, die beide Organisationsteile motiviert und in die Gesamtstrategie einbettet.

Welche kulturellen Herausforderungen entstehen bei parallelen Geschäftsmodellen?

Der größte Konflikt entsteht zwischen dem Operational-Excellence-Mindset stabiler Teams und dem Fail-Fast-Mindset von Innovationsteams. Beide arbeiten in derselben Firma mit unterschiedlichen Erfolgsmaßstäben. Leadership muss aktiv vermitteln, warum beide Rollen gleichwertig zur Gesamtstrategie beitragen, um Demotivation und interne Spannung zu verhindern.

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